Genosse vs. Bro

Altbewährtes wird heute unter neuen Mänteln wieder in. Dadurch besteht so manche Innovation über Jahrzehnte.

Im dritten Jahrtausend ist vieles hip, neu und digital. Was nicht aus dem Silicon Valley stammt, funktioniert nicht, mag man manchmal meinen. Die Strukturen und unser Umfeld entwickeln sich rasant und erfinden sich fast stetig neu, alte Ideen und Organisationsformen passen dabei irgendwie nicht mehr ins dynamische Bild. Und dennoch vertrauen heute mehr Menschen als je zuvor auf traditionelle Heilkunde, natürliche Dämmstoffe oder ihre eigenen Fähigkeiten an der Werkbank – Stichwort Do-it-yourself-Kultur. Das macht schnell klar: Was sich über lange Zeit bewährt hat, ist nachhaltig und sinnvoll. Deshalb gibt es auch heute noch Genossenschaften.

Genossenschaften, das sind jene Organisationen, die viele Menschen heute vor allem mit der Landwirtschaft verbinden. Eine unternehmerische Rechtsform, bei der sich viele zusammentun, um gemeinsam etwas voranzubringen. Eine GmbH mit sehr vielen Gesellschaftern also, oder eine AG, in der die Aktionäre wirklich am Unternehmen mitbauen und nicht nur auf die Dividende warten. All das würde vielleicht ähnlich funktionieren, in der Realität ist es aber nur die Genossenschaft, die echte Mitbestimmung und vor allem breite Unterstützung abseits des reinen Kapitals generieren kann. Und deshalb finden sich Genossenschaften heute auch in vielen Branchen und längst nicht mehr nur im Agrarbereich wieder. Wohnbaugesellschaften, Handelsketten und sogar Banken haben das Modell für sich entdeckt und sind erfolgreich und glücklich damit.

Doch was heute manchmal antiquiert zu klingen scheint, hat sich längst auch im dritten Jahrtausend durchgesetzt: Shared Spaces, Carsharing, Booksharing oder Site-Sharing – all das, was heute so dynamisch, innovativ und modern klingt, ist inhaltlich Genossenschaft. Es ist dasselbe Paket mit neuem Mascherl – sozusagen. Denn hier schließen sich mehrere zusammen und machen etwas gemeinsam. Sei es nun der gemeinsame Wohnungsbau, die gemeinsame Verwendung von Autos oder von Büros, von Büchern oder gar von Flugzeugen (mit dem Codesharing teilen sich sogar Flugunternehmen die Flieger), all das funktioniert nach dem Genossenschaftsmodell, das einst Friedrich Wilhelm Raiffeisen salonfähig gemacht hat. Er gilt heute als Vater der Genossenschaftsidee und die damit Erfolgreichsten im Land tragen deshalb seinen Namen. Die Raiffeisenbanken funktionieren nach diesem Prinzip: Eine Bank, die allen gehört, nicht wenigen.

In der Genossenschaft steckte vor hundert Jahren viel Kraft und Innovationsgeist, und auch heute ist diese Form ein Modell, das sich gerade auch für neue, hippe und junge Unternehmen eignet. Denn wo, wenn nicht dort, geht es um mehr als nur um Kapital. Es sind die Ideen, die die Welt bewegen. Und der richtige Platz für frische Ideen ist die Genossenschaft.